Kommission für Forschungsdaten: Stellungnahme
Die Kommission für Forschungsdaten hat eine Stellungnahme gegen die geplante Löschung von Amtlichen Firmendaten für Deutschland (AFiD) abgegeben.
Wertvolle historische Daten der amtlichen Statistik drohen unwiederbringlich ihre wissenschaftliche Nutzbarkeit zu verlieren. Die Kommission für Forschungsdaten des Vereins für Socialpolitik fordert deshalb eine rasche gesetzliche Lösung. Noch in diesem Jahr besteht dringender Handlungsbedarf.
Daten der amtlichen Statistik sind eine zentrale Grundlage für Wissenschaft, evidenzbasierte Politik und die öffentliche Debatte. Ihr Wert liegt dabei nicht allein in ihrer Aktualität. Gerade lange Zeitreihen ermöglichen es, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen über Jahrzehnte hinweg zu untersuchen und die langfristigen Wirkungen politischer Entscheidungen zu beurteilen.
Doch genau diese Forschungsmöglichkeiten sind gefährdet. In Deutschland unterliegen Daten der amtlichen Statistik gesetzlichen Löschfristen. Besonders akut ist die Situation bei den Amtlichen Firmendaten für Deutschland (AFiD). Nach § 13a Bundesstatistikgesetz müssen die zur Verknüpfung verwendeten Kennnummern der Wirtschafts- und Umweltstatistiken 30 Jahre nach Abschluss einer Erhebung gelöscht werden. Für das Berichtsjahr 1995 steht diese Löschung zum 31. Dezember 2026 an. Danach wäre jährlich ein weiterer Jahrgang betroffen.
Die Löschung der Kennnummern bedeutet zwar nicht, dass sämtliche Einzelinformationen verschwinden. Sie zerstört jedoch unwiederbringlich die Möglichkeit, Unternehmen über lange Zeiträume hinweg zu verfolgen. Damit verlieren historische Daten für zahlreiche Forschungsfragen einen wesentlichen Teil ihres wissenschaftlichen Werts.
Langfristige Forschung braucht langfristig verfügbare Daten
Welche Folgen dies haben kann, zeigt die Forschung zur deutschen Wiedervereinigung. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen beispielsweise, warum sich Produktivität und Löhne in Ost- und Westdeutschland zunächst rasch annäherten, diese Konvergenz später aber ins Stocken geriet. Andere Arbeiten beschäftigen sich mit den langfristigen Folgen der Treuhandpolitik, regionaler Subventionen oder arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen.
Solche Fragen lassen sich nur beantworten, wenn Daten über ausreichend lange Zeiträume miteinander verknüpft werden können. Dasselbe gilt für viele andere wirtschafts- und sozialpolitisch relevante Themen – von der Unternehmensbesteuerung und Investitionsförderung bis hin zur Evaluation der Kurzarbeit.
Historische Daten sind deshalb weit mehr als ein Archiv der Vergangenheit. Sie ermöglichen es, aus früheren politischen Maßnahmen zu lernen, ihre langfristigen Wirkungen zu bewerten und daraus Erkenntnisse für heutige Entscheidungen zu gewinnen.
Irreversible Datenverluste verhindern
Kurze Löschfristen behindern den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und erschweren die Evaluation politischer Maßnahmen. Zugleich entstehen Wettbewerbsnachteile für Forschende, die mit deutschen Daten arbeiten und wirtschafts- und sozialpolitisch relevante Fragen für Deutschland untersuchen.
Der Referentenentwurf des Forschungsdatengesetzes vom 22. Dezember 2025 greift dieses Problem auf. Entscheidend ist nun, rechtzeitig zu handeln.
Die Kommission für Forschungsdaten des Vereins für Socialpolitik fordert daher, das Forschungsdatengesetz mit der vorgesehenen Regelung rasch zu beschließen und umzusetzen, damit die für Ende 2026 anstehenden irreversiblen Datenlöschungen verhindert werden.
Sollte ein rechtzeitiges Inkrafttreten des Forschungsdatengesetzes nicht gewährleistet werden können, ist eine Übergangsregelung erforderlich, die die Löschung bis zu einer dauerhaften gesetzlichen Lösung verhindert.
Denn einmal verlorene Verknüpfungsmöglichkeiten lassen sich nicht wiederherstellen. Der Erhalt historischer Daten ist deshalb eine Investition in wissenschaftliche Erkenntnis – und in die Fähigkeit, aus der Vergangenheit für zukünftige politische Entscheidungen zu lernen.
Die vollständige Stellungnahme „Löschfristen der amtlichen Statistik vernichten Wissen und verhindern Erkenntnis“ wurde von der Kommission für Forschungsdaten des Vereins für Socialpolitik erarbeitet. Die Kommission wird von Prof. Regina T. Riphahn (FAU Erlangen-Nürnberg) geleitet. An der Stellungnahme haben Prof. Rüdiger Bachmann (University of Michigan), Prof. Regina T. Riphahn und Prof. Kerstin Schneider (RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und Bergische Universität Wuppertal) mitgewirkt.
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Stellungnahme