Gustav Horn und die Sache mit der heißen Luft

Gustav Horn und die Sache mit der heißen Luft

 

Hier.

 

Das ist schon starker Tobak, voll von düsteren Insinuierungen, was meine Aufgaben beim VfS angeht, bis hin zu einer kaum verhohlenen Aufforderung, mich rauszuwerfen. Naja, Herr Horn vergisst, dass die Aufgaben im Verein demokratisch durch Wahl durch die Mehrheit der Mitgliederstimmen vergeben werden, er kann gerne einen Gegenkandidaten für jedes Amt im Verein, auch das des Nachwuchsbeauftragten, vorschlagen. Und die Rauswurfforderung kommt von jemandem, der sich beschwert über "Diskreditierung der Kompetenz des diskursiven Gegenübers". Dabei wurde nichts dergleichen getan, sondern es wurde nur anhand von zugänglichen Aussagen, die objektiv Falschbehauptungen sind, nachgewiesen, dass Herr Horn die moderne akademische Makroökonomik nicht kennt (oder sie willfährig ignoriert, was natürlich beobachtungsäquivalent ist). Das ist gegenüber jemandem, der sich ständig zu eben jener Makroökonomik äußert, eine legitime Argumentationsstrategie und nicht diskreditierend.

 

Aber Herr Horn stellt in diesem Text auch zwei gute und legitime Fragen, zu denen ich eine Antwort wenn auch nur versuchen werde (die Diskussion darüber ist jedenfalls spannender als die ganzen Twitterangriffe):

 

1) Warum hat die Makroökonomik nicht schon vor der Krise mikroökonomische Einsichten (Horn schreibt "zur inhärenten Marktinstabilität", was mir etwas zu stark und ideologisch ist, denn Märkte sind offensichtlich nicht alle, immer und überall instabil, aber vielleicht können wir uns auf den Begriff Marktversagen einigen?) stärker berücksichtigt?

 

2) Warum wurden die Erkenntnisse der international orientierten akademischen Makroökonomik (vor, aber mindestens nach der Krise) zumindest in Deutschland nicht wirtschaftspolitisch berücksichtigt?

 

Ich beginne mit 2), das erscheint mir einfacher, vor allem weil ich schon mal einen Versuch dazu unternommen habe (hier, wo ich auch auf weitere Versuche verlinke). Das ist natürlich unvollständig, und ich freue mich auf weitere Diskussionsbeiträge. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, dass es nicht an der deutschen akademischen Makroökonomik liegt, die vollständig international orientiert und eingebunden ist. Ich weiß natürlich nicht, wie das früher beim Verein, im Makroausschuss oder in den Fakultäten war (Gnade der späten Geburt), aber wenn das Horns Kampf ist, dann ist er Don Quixote.  Warum diese akademische Makroökonomik politisch kein Gehör findet, das muss er die Politik fragen, wo ja gerade - ironischerweise - eine oft altmodische (was will man auch erwarten bei jahrzehntelanger konservativer Regierungsverantwortung) Mikroökonomik zu dominieren scheint. Ich kann hier nur persönlich antworten: anders als Herr Horn zu meinen scheint, habe ich im wirtschaftspolitischen Geschäft in Deutschland keine Rolle (der VfS übrigens auch nicht), ich wurde noch nie gefragt; meine Antworten wären wahrscheinlich näher an Horns, als er vermutet, und dennoch bin ich - denke ich - akademischer Mainstream.

 

Zu 1): zunächst einmal bin ich mir gar nicht sicher, dass das so stimmt. Jedenfalls an der Ausbildung kann es nicht liegen, denn wir mussten natürlich die ganze Marktversagensmikro lernen (übrigens ein Argument für umfassende PhD Programme statt Lehrstuhlpromotionen). Uns wurde sowieso immer beigebracht, dass es den Gegensatz zwischen Makro und Mikro nicht mehr und dass es eben nur noch Ökonomik gibt - zumindest in den USA ist das ein akademischer Habitus, der überall anzutreffen ist. Aber geben wir mal zu, dass die vor-Krisen Makro viele mikroökonomische Erkenntnisse nicht angemessen berücksichtigt hat (Ausnahmen gab es ja vorher: Krugman mit seinem Liquiditätsfallenpapier, und Markus Brunnermeier, etc.; und jedenfalls in den USA hat die Wissenschaft sehr schnell auf die Krise reagiert, wie man zum Beispiel an den Arbeiten von Emmanuel Fahri sehen kann; was doch sehr positiv ist - Wissenschaft reagiert auf neue Fakten, ist doch Klasse), dann muss es dafür ja Gründe gegeben haben (es lag ja eben nicht daran, dass man diese Erkenntnisse nicht kannte). Horn würde wahrscheinlich sagen: politische Ideologie, und ich kann das letztlich nicht ausschließen als auch einen Grund (ich bin ja auch akademisch zu jung, war also nicht dabei, und kann daher nur informiert spekulieren). Die Frage ist doch: war das der einizge Grund? Ich würde sagen, dass es mindestens noch einen anderen Grund gab: es war eben nicht so, dass die Theorie nicht da war, die wir brauchten um die Krise zu verstehen (das meiste war da und wurde dann ausgebaut), es war einfach zu wenig Empirie da, diese Theorien als relevant zu validieren (übrigens eine Warnung an alle Grundlagenforschungskritiker; ein Beispiel - Forschung, die vor der Krise gezeigt hätte, dass an der Nullzinsgrenze Fiskalmultiplikatoren groß sind, ein Steckenpferd von Horn, wäre damals von vielen als akademisches Glasperlenspiel abgetan worden). Es schien einfach zu wenig prima facie Hinweise zu geben, dass etwa Theorien zu Finanzmarktfriktionen für die USA und Europa wirklich relevant waren (für andere Ländergruppen war das auch schon vorher wichtig). Der interessante Fall ist Japan - das wäre in der Tat einmal interessant herauszuarbeiten, warum dieser Fall nicht als stärkere Warnung wahrgenommen wurde. Natürlich kann man hinterher sagen, dass man mehr hätte machen sollen (Brunnermeier tat das ja), aber hinterher sind viele klüger. Wenn Herr Horn hier vor der Krise wissenschaftliche Beiträge hatte, die in eine andere Richtung gingen und uns dann für das Verständnis der Krise geholfen haben, so gratuliere ich ihm zu seiner prophetischen Gabe und bitte ihn, mir diese zu senden. 

 

Ich hoffe jedenfalls, dass man anhand der beiden Hornschen Fragen die Debatte jetzt weiter führen kann und da etwas sachlicher weiterkommt. Nebenbemerkung: das hat aber mit den Pluralismusvorstellungen eines Arne Heise und anderer bei den Pluralen vermutlich sehr wenig zu tun.

 

Autor: Rüdiger Bachmann (Nachwuchsbeauftragter). Die hier geäußerten Meinungen sind nicht unbedingt die Sicht des Vereins für Socialpolitik.

 

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