Dani Rodrick - Economic Rules

Dani Rodrick - Economic Rules

 

So, ich bin jetzt endlich dazu gekommen, Dani Rodriks Buch Economics Rules ganz durchzulesen. Ich kann es nur jedem, der an Ökonomik interessiert ist, zur Lektüre empfehlen. Insofern stimme ich dem Rodrik-Fan Gerald Braunberger zu hundert Prozent zu: Rodrik hat genau den richtigen Mittelweg.

 

An all die Pluralen da draußen, die mich gerne zum finsteren Lordsiegelbewahrer irgendeiner Orthodoxie stempeln (hier und hier), wenn Sie wirklich wissen wollen, was ich und ich vermute mal viele meiner "bösen" Kollegen denken, dann lesen Sie das Buch. Wenn wir dann immer noch nicht plural genug sind, dann werden wir wohl in der Tat nicht zusammengekommen.

 

Ein paar highlights:

  • Academic reputations are built on new and imaginative demonstrations of market failure. But in public, the tendency is to close ranks and support free markets and free trade (das erstere habe ich versucht, in fast jedem Interview, das ich zu dem Thema gegeben habe, zu sagen. Das letztere sehe ich leider genau so, hätte ich vielleicht stärker betonen müssen. Jedenfalls drückt Rodrik das alles viel deutlicher und klarer aus als ich das kann.)
  • It's a model, not the model: das ist Rodricks Situationalismus, den ich genauso sehe. Modelle sind kontextabhängig, und gerade deshalb brauchen wir in der Ökonomik mehr, nicht weniger Modelle (jeder sollte bei einem angeblichen Supermodell skeptisch sein, egal welcher Herkunft). Ökonomen werden dann gefährlich, wenn sie einen Typ von Modell überbetonen.
  • The world is (almost) always second best. Die eigentlich uralte Erkenntnis, dass bei bereits bestehendem Marktversagen andere Promarktmaßnahmen die Dinge oft schlechter machen können. Amen.

 

Die Frage ist nun, warum kommt offensichtlich bei den Studenten von diesen Dingen nicht so viel rüber? Denn ich glaube den Pluralen, dass das so ist. Rodrik hat auch da Antworten im Buch (viele Studenten und Dozenten bleiben bei Einführungen hängen, weil man im Bachelorstudium vielleicht oft in die Breite geht und viele Teilbereiche abdeckt, aber selten in die Tiefe; vielleicht weil viele Ökonomen zumindest Bachelorstudenten unbewusst als Teil der "feindlichen" Öffentlichkeit betrachten, die man erst mal pro-Market gehirnwaschen muss, bevor man in die Feinheiten geht). Ich würde hinzufügen, dass es jedenfalls in Deutschland traditionell eben die Einteilung zwischen Wissenschaftlerökonom und Politikökonom auf den Lehrstühlen gab, wobei die letzteren die Mehrheit hatten und die öffentlich Wahrnehmbareren waren. Denen ging es natürlich nie um Diversität und Feinheiten, sondern um das Predigen einer wirtschaftspolitischen Philosophie. Das sollte sich aber mit dem demographischen Wandel auf den Lehrstühlen hoffentlich ändern.

 

Zum Abschluss noch eine kleine genüssliche Anekdote aus dem Buch: Rodrik berichtet wie der Chicago(!)ökonom Raghu Rajan schon weit vor der Krise vor Fehlentwicklungen im Finanzsektor gewarnt hat und dafür vom Harvard(!)ökonom und heutigem Erzkeynesianer und Darling der Fiskalstimulus-Linken Larry Summers als Luddite (in Amerika eine geringschätzig gemeinte Bezeichnung für Fortschrittsfeind) bezeichnet wurde. Tja, man sieht: Chicago böse, Keynesianer gut. So "einfach" kann Ökonomik sein, wenn man es sich "einfach" macht.

 

Autor: Rüdiger Bachmann (Nachwuchsbeauftragter). Die hier geäußerten Meinungen sind nicht unbedingt die Sicht des Vereins für Socialpolitik.